Das Childhood-Haus: Eine Lösung im Sinne des Kindes

Das Childhood-Haus nimmt die Idee des skandinavischen „Barnahus“ (wörtlich: „Kinderhaus“) auf und setzt es modifiziert in Deutschland um. Es ist ein kinderfreundliches, interdisziplinäres und behördenübergreifendes Zentrum für Kinder, die Opfer und Zeugen von Gewalt wurden. Dorthin können Kinder zu explorativen und forensischen Befragungen kommen, werden medizinisch und psychologisch untersucht und erhalten alle notwendigen therapeutischen Hilfestellungen durch optimal ausgebildetes Fachpersonal.

Das wesentliche Ziel besteht darin, mit dem Childhood-Haus in Deutschland eine gut strukturierte, koordinierende zentrale Anlaufstelle zu etablieren, die alle notwendigen interdisziplinären Professionen unter einem Dach in ihrer Zusammenarbeit vereint, um damit eine möglichst optimale Versorgung für Kinder und Jugendliche mit Missbrauchserfahrungen zu sichern.

Es geht damit im Ermittlungsverfahren nicht mehr ausschließlich nur um die Wahrheitsfindung, sondern auch um das Wohlbefinden des betroffenen Kindes.

„Kinderschutz ist kein zentrales Ziel der strafrechtlichen Abklärung.“

(UBSKM, Positionspapier „Missbrauch entdeckt – was dann?“)
Bei Verdachtsfällen oder bestätigten Fällen von Kindesmissbrauch:
Status Quo in Deutschland
  • Mehrfache Kindesbefragung durch verschiedene Institutionen an unterschiedlichen Orten
  • Ungenügende Koordination/Kooperation zwischen involvierten Institutionen
  • Fehlen eines interdisziplinären Handlungsansatzes
  • Fehlen von geeigneten Richtlinien für Arbeitspraxis
  • Kinder müssen immer noch vor Gericht aussagen
  • Mangel an speziell geschultem Fachpersonal für die Befragung von missbrauchten Kindern
  • Risiko von unsensiblem Umgang mit dem betroffenen Kind durch Befragungssituationen
  • Hohes Risiko der Retraumatisierung (re-victimization)
Kinderschutz und Wahrheitsfindung können auch Hand in Hand gehen.
Im Childhood-Haus
  • Möglichst wenige Kindesbefragung im Childhood-Haus
  • Koordination und Kooperation zwischen involvierten Institutionen
  • Interdisziplinärer Handlungsansatz
  • Klare Richtlinien für eine Arbeitspraxis im Sinne des Kindes
  • Kinder sollten vor Gericht nicht mehr aussagen müssen
  • Kindeswohl immer zentraler Dreh- und Angelpunkt der Arbeitsweise
  • Geringes Risiko für eine Re-Traumatisierung

„Im Mittelpunkt steht das missbrauchte und misshandelte Kind und nicht der Untersucher, Arzt, Polizist, Richter oder Rechtsanwalt. Es gibt natürlich rechtliche Rahmenbedingungen, die erfüllt werden müssen. Es darf aber nicht geschehen, dass weiterhin in unserem Land Kinder, die bereits durch den Missbrauch schwersttraumatisiert wurden, durch vermeidbare Belastungen, wiederholte Untersuchungen, Befragungen in dazu nicht kindgerechten Umgebungen immer wieder und wieder zu traumatisieren. Die individuellen und letztlich auch volkswirtschaftlichen Folgen dieser Retraumatisierungen sind immens.“

(Dr. Matthias Bernhard, Ärztlicher Leiter der Interdisziplinären Kinderschutzgruppe des Departments für Frauen- und Kindermedizin und Oberarzt der Neuropädiatrie der Unikinderklinik)

Empfehlungspapier

PM UBSKM 2016

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Interdisziplinäre Zusammenarbeit

In einem Childhood-Haus gibt es vier verschiedene Bereiche, die auch durch entsprechende Räumlichkeiten abgedeckt sind:

  • Gericht und Polizei
  • Medizin
  • Kinder- und Jugendpsychologie und -psychiatrie
  • Kinderschutz und Jugendamt

Ferner gibt es im Childhood-Haus Räume, in denen sich Fachkräfte aus allen Bereichen zu jeder Zeit abstimmen und austauschen können.

Die Befragung
Das Kind wird im Rahmen eines explorativen Interviews zur Abklärung des Sachverhalts durch eine geeignete psychologische Fachkraft oder im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens nach §255a der StPO in einem speziellen Raum durch eine Richterin/einen Richter befragt. Im skandinavischen Barnahus erfolgt auch die forensische Befragung durch eine/n Kinderpsychologen. Die Befragung erfolgt nach einem evidenzbasierten Protokoll und wird dem Alter des Kindes entsprechend geführt.
Eine Aussage dank Technik
Um es dem Kind zu ersparen, seine Geschichte vielen unterschiedlichen Menschen immer wieder erzählen zu müssen, wird das Interview in einem angrenzenden Raum von weiteren Fachkräften wie beispielsweise aus der Polizei, dem Jugendamt, der Staatsanwaltschaft, Fachanwälten, der Verteidigung und bei Wusch auch dem/der Täter/in verfolgt. Alle dort anwesenden Personen können über Technik Fragen an den Richter/die Richterin weitergeben.  Die Befragung wird audiovisuell aufgenommen und können bei Gericht in der Hauptverhandlung als Beweismittel aufgerufen werden, sollte es zu einer Anzeige kommen.
Dann muss das Kind nicht bei Gericht erscheinen.
Medizinische Untersuchung
Vor oder nach dem Interview wird das Kind medizinisch untersucht und ggf. medizinisch versorgt. Ziel ist es, Verletzungen zu dokumentieren und ggf. für eine Verhandlung bei Gericht festzuhalten.
Beratung
Zusätzlich wird in einem Childhood-Haus auch eine Unterstützung/Beratung für betroffene Kinder und deren Eltern oder andere Familienmitglieder durchgeführt. Diese Unterstützung erfolgt durch entsprechend ausgebildete Fachkräfte. Bei Bedarf überweisen Fachkräfte auch an externe Fachberatungsstellen. Im Childhood-Haus Leipzig werden Kinder und Jugendliche auch langfristig im Rahmen der Traumaambulanz im Childhood-Haus betreut.
Zielgruppe
Im Childhood-Haus werden Kinder betreut, bei denen der Verdacht besteht, dass sie von Missbrauch oder massiven Gewalttaten betroffen sind, sowie Kinder, die Zeuge häuslicher Gewalt oder Missbrauch geworden sind.

Kooperationspartner

Zu den Kooperationspartnern der interdisziplinären Arbeitsprozesse im klinischen Bereich zählen Kinderheilkunde, Kinderchirurgie, Gynäkologie, Rechtsmedizin, Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie Erwachsenenpsychiatrie, Psychologie und Sozialarbeit/-pädagogik. Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter/innen kommen hinzu, wenn ein familien- oder strafrechtliches Verfahren veranlasst wurde. Im Vorbereitungsprozess auf ein Childhood-Haus bilden die Vertreter/innen Arbeitsgruppen und erarbeiten neue Abläufe und Prozesse, um Fälle zukünftig professionsübergreifend zu bearbeiten.

Entstehungsgeschichte

Das Barnahus entstand aus dem Child Advocacy Model, das in den 1980er Jahren in den USA entwickelt wurde. Das erste Barnahus auf europäischem Boden wurde 1998 in Reykjavik errichtet, dann folgten andere skandinavische Länder (Schweden 2005, Norwegen 2007, Grönland 2011, Dänemark 2013). Ein erstes Childhood-Haus wird in Deutschland im Herbst 2018 in Leipzig eröffnet, weitere Häuser sind in Hamburg am Universitätsklinikum Eppendorf, in Berlin an der Charité und in Heidelberg in Vorbereitung.

Blog

Zum Nachlesen: „Gegen das Schweigen“/FAZ

"Gegen das Schweigen" - Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat in einem umfangreichen Artikel über den derzeitigen Umgang bei Fällen von Kindesmissbrauch berichtet. Neben den Themen Gesetzgebung und der Ausbildung von Juristinnen und Juristen zeigt der Artikel auch...

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Im Gespräch mit: Dr. Matthias Bernhard

Er wird zukünftig die Kinder im neu eröffneten Childhood-Haus Leipzig medizinisch untersuchen: Dr. Matthias Bernhard ist ärztlicher Leiter der Interdisziplinären Kinderschutzgruppe des Departments für Frauen- und Kindermedizin und Oberarzt der Neupädiatrie der...

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Nach der Eröffnung ist vor der Eröffnung – Ein Ausblick

Eine Stiftung und ihr Herzensprojekt Wir blicken auf ereignisreiche Wochen und Monate zurück, die mit der Eröffnung des ersten Childhood-Hauses am 27.09.2018 ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten. Aus Theorie wurde Realität für die Kinder in Leipzig, die Missbrauch...

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